Der Weg zur Versöhnung führt nach Brünn

Bereits zum dreizehnten Mal wird am Samstag Brünn der gewaltsamen Vertreibung von etwa 25 tausend seiner Einwohner gedenken: Der Versöhnungsmarsch ist ein in vieler Hinsicht einzigartiges Projekt, das tiefe Gräben zugeschüttet und ein Stück weit die Geschichte Tschechiens bewegt hat. Wir sprachen mit seinem Initiator Jaroslav Ostrčilík.

Der Brünner Todesmarsch war einer der traurigsten Höhepunkte der wilden Vertreibung. Was hat Sie dazu bewogen, gerade dieses Ereignis aufzugreifen?


Ich bin nach der Samtenen Revolution in Niederösterreich direkt an der tschechischen Grenze aufgewachsen. In der Volksschule hatte ich gleich mehrere Mitschüler, deren Großeltern aus Břeclav, Valtice oder Mikulov vertrieben worden waren. Nach der Matura habe ich in Brünn Germanistik studiert und über die Ereignisse in Brünn erfahren. Ich konnte es nicht fassen, dass innerhalb eines Sommers ein Viertel der Bevölkerung Brünns verschwinden konnte, und niemand wollte was davon wissen. Ich habe überlegt, wie man an die Vertreibung der deutschsprachigen Brünner erinnern auf eine unübersehbare Art und Weise erinnern könnte.

 
Wie hat Ihr Projekt angefangen? 


Zum ersten mal haben wir uns 2007 auf den Spuren der Vertriebenen nach Pohořelice aufgemacht, zu dritt und im Regen. Die ersten acht Jahre nahmen bestenfalls wenige Dutzend Zeitzeugen und Brünner teil. Im Herbst 2014 haben mich dann mehrere Menschen angesprochen, dass sich ja das Kriegsende bald zum siebzigsten Male jährt und ob man aus dem Gedenkmarsch nach Pohořelice nicht ein größeres Projekt machen sollte. 
So kam eine bunte und im tschechischen Kontext einzigartige Gruppe aus der Zivilgesellschaft, Kulturszene und der Brünner Politik zusammen. Gemeinsam haben wir das Jahr der Versöhnung entwickelt, etwa achzig Veranstaltungen aller Art - Ausstellungen, Lesungen, Theatervorstellungen, Konzerte und viel mehr. Alle hatten im weitesten Sinne das Kriegsende zum Thema, also auch den Holocaust, den Nazi-Terror und eben die Vertreibung. Der unbestrittene Höhepunkt war der Versöhnungsmarsch in entgegengesetzter Richtung, symbolisch für Versöhnung. 


In 2015 hatte der Marsch weitreichende Folgen.


Als Oberbürgermeister Vokřál vor über tausend Menschen im Namen der Stadt Brünn die Deklaration der Versöhnung und gemeinsamen Zukunft (Deklarace smíření a společné budoucnosti) verlas, war das ein durchaus historischer Augenblick. Auf einmal wurde überall über Brünn gesprochen, in den hiesigen Medien und in den Nachbarländern. Und es hat sich auch gezeigt, wie stark sich die Haltung der tschechischen Gesellschaft zur Vertreibung verändert hat. 
Plötzlich hatten auch die Politiker keine Angst mehr vor dem Thema, 2016 nahm der damalige Kulturminister Daniel Hermann als erstes Regierungsmitglied in der Geschichte am Sudetendeutschen Tag teil. Und ein Jahr später kam er wieder, mit dem damaligen Vizepremier Pavel Bělobrádek. Weil die Sudetendutsche Landmannschaft davor die Formulierung über den Anspruch auf Heimat aus ihren Satzungen gestrichen hatte, in direkter Reaktion auf die Versöhnung von Brünn. 


Wie läuft der Versöhnungsmarsch ab?


Dank der Unterstützung seitens der Stadt Brünn ganz anders, als die Gedenkmärsche vor 2015. Den ganzen Tag pendeln Sonderbusse entlang der 32 km langen Strecke, die Teilnehmer zunächst zur Eröffnung nach Pohořelice bringen und dann an den vier Stationen des Marsches halten, wo es Verpflegung und an der letzten Station vor dem Gymnasium Vídeňská sogar Live-Musik gibt. 
Das Ziel ist der Augustinergarten in Altbrünn, wo Gedenkakt stattfindet, dem die Oberbürgermeisterin Vaňková und ihr Stuttgarter Amtskollege Kuhn beiwohnen werden. Der heurige Versöhnungsmarsch wird nämlich auch die 30 Jahre der besonders intensiven Städtepartnerschaft zwischen Brünn und Stuttgart feiern. Es folgt ein Konzert, außerdem gibt es viel gutes Essen und Trinken. 
Und nicht zu vergessen, schon vor der Ankunft des Marsches etwa um 18 Uhr findet ab vier im Refektarium der Augustinerabtei ein Treffen mit Zeitzeugen statt, und zwar in Form von sogenannten Erzählkreisen. Übrigens, seit 2016 ist die Veranstaltung Teil des multi-genre Festivals Meeting Brno. In dessen Rahmen erinnern wir nicht nur der Opfer der Nazi-Herrschaft oder der Gewalt nach ihrem Ende, sondern behandeln aktuelle Themen in Veranstaltungen aller Art. Dieses Jahr widmen wir uns der Samtenen Revolution und der drei Jahrzehnte danach.



Versöhnungsmarsch 2019
Samstag, 1. Juni
Mehr über die Veranstaltung unter https://www.facebook.com/events/400520497448656/
www.meetingbrno.cz


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